Anderswo
Geschrieben von Teo- Für den Moviepilot Speaker's Corner habe ich über Kinderfernsehen gestern und heute geschrieben.
- Ab Donnerstag werdet ihr mich in Nerdtalk Folge 297 hören können.
- Ausserdem wird in dieser Woche noch eine neue Geschichte aus der Dose veröffentlicht werden. Wenn ihr die hören möchtet, solltet ihr schonmal sichergehen, dass ihr die ersten drei Kapitel der Ruhrpokalypse kennt.
The Sea Will Claim Everything
Geschrieben von TeoBiotalkatron eingeschaltet. Textmauer aktiv. Geruch des Tages: Blau
Ich bin schon vor einiger Zeit auf den Fortunate Islands eingetroffen. Mein Fenster hat mich direkt in das Haus von The Mysterious-Druid auf der Isle of the Moon gebracht. Thes Haus kränkelt im Augenblick ein bisschen und seine Frau ist verschwunden. Es hat ewig gedauert, bis ich das Sicherheitssystem und die Wurzelautomatik neu starten konnte. Ehrlich gesagt weiss ich gar nicht mehr wie lange ich schon hier bin. Die Zeit vergeht so schnell, wenn man den ganzen Tag durch Bücher und Kisten stöbert. Die haben hier eine Erstausgabe von "Fantastic Breasts and Where to Find Them" von Nawty Scamander. Vielleicht ist die Zeit auch gar nicht so schnell vergangen, wie ich denke und es ist wiedermal einer der Pilze ins Trinkwasser gefallen. Die Dinger sind sonst immer mit sich selbst beschäftigt und wenn man versucht ein wenig mit ihnen zu plaudern, stellen sie sich schüchtern oder propagieren die Herrschaft des Proletariats. Vielleicht ist Bob die Spinne auch aus Versehen an einen Pilz gekommen und hat ihn ins Wasser fallen lassen. Wenn das so wäre, würde ich mir nie wieder die Zähne putzen. Ich liebe Bob die Spinne! EDDIE das Hologramm ist gerade leider ähnlich hilfreich wie die Pilze. Ich werde ihn nochmal ansprechen, wenn ich Modetipps brauche. Die Maus findet meine Fixierung auf solch weltliche Dinge langweilig. Was macht die überhaupt in meinem Rucksack?
Jedenfalls bin ich dann irgendwann aus dem Haus gekommen, aber richtig gesund ist es noch nicht. Irgendwelche Goonies wollen es Pfänden, obwohl es seit Generationen im Besitz der Familie Mysterious-Druid ist. Deshalb ist das Haus gerade psychisch nicht ganz auf der Höhe, hat verstopfte Arterien und so weiter. Ich habe versucht in Port Darragh einen Arzt aufzutreiben, der sich das mal ansehen kann, aber wegen der Wirtschaftskrise ist dort ziemlich tote Hose. Allerdings glaube ich eine Spur zu Niamh, der Frau von The, gefunden zu haben. Sie soll auf der Isle of the Sun sein. Ich bin echt froh, dass mir ein Storch mit Höhenangst sein Boot leihen will, damit wir gemeinsam dieses Grab finden können. Auf dem Weg werde ich bestimmt auch Niamh finden. Ich glaube, das könnte klappen.
Biotalkatron abgeschaltet.
The Sea Will Claim Everything von Jonas und Verena Kyratzes ist ein Point & Click Adventure mit viel Text (vielleicht ist es das gar nicht, sondern ein Hybrid aus Wimmelbildspiel und Buch). Es ist für PC erschienen (aber mit Wine auch auf Linux und Mac spielbar) und kostet 10$ auf Landsofdream.net.
Meine Probleme mit der aktuellen Sexismus-Debatte
Geschrieben von TeoDies wird wieder ein Beitrag, der mir dabei helfen soll, bestimmte Dinge aus dem System zu bekommen, damit mir dieses Thema nicht meine Gedanken an andere Dinge zerschießt. Ich möchte hier versuchen meine Probleme mit der aktuellen Sexismus-Debatte auszuformulieren.
1. Es fehlt die Reflexion darüber, dass wir eine Moraldebatte führen. Es gibt Diskutanten, die durch ihre Aussagen implizieren, dass wir hier über endgültige, allgemeingültige, ja sogar Fakten mit naturwissenschaftlichem Charakter diskutieren. Tatsächlich diskutieren wir aber über Moral. Es gibt aber keine endgültigen Antworten in moralischen Fragen, weil die Natur keine Moral kennt. Solange man keine metaphysische Entität annimmt, die uns kleinen Menschen ihre Moral diktiert, müssen die Menschen ihre Handlungen nach eigenen Maßstäben bewerten.
2. Begriffe werden nicht definiert. Diskussionen werden nicht dadurch vereinfacht, indem man Begrifflichkeiten möglichst schwammig lässt, sodass jeder sich etwas anderes darunter vorstellen kann. Das führt in der Regel dazu, dass man aneinander vorbei redet. Sexismus ist Verhalten aufgrund von Geschlecht. Das halte ich für die neutralste und sinnvollste Definition dieses Begriffs. Verhalte ich mich jemandem gegenüber anders, nur weil er einem bestimmten Geschlecht angehört, ist das sexistisches Verhalten, egal ob es nun für oder gegen Frauen oder Männer steht. Es ist demnach nicht sexistisch Frauen die Tür aufzuhalten, solange man auch Männern die Tür aufhält. Gehören solche Kleinigkeiten nicht eh zur allgemeinen Höflichkeit? (Nebenbei bemerkt: Ich bin mir sicher, dass ich beinahe jeden Tag sexistisch handle und auch sexistisch behandelt werde, auch wenn ich nicht immer weiss wo und wann.) Beim Begriff "Feminismus" wird die Sache für mich schon deutlich schwieriger, was eben an den zahlreichen Auslegungen und Strömungen innerhalb (und ausserhalb) der Bewegung liegt (s. 4.), aber auch an den unterschiedlichen Konnotationen, die Menschen mit dem Begriff verbinden. Hier habe ich bisher keine eindeutige Definition gefunden, die für mich befriedigend wäre.
3. Es wird nach dem unverfälschten Frauen- und Männerbild gesucht, das es aber gar nicht gibt. Wir sind alle die Ergebnisse von Biologie, Erziehung und gesellschaftlicher Begebenheiten. Die Biologie kann uns kein Menschenbild vorgeben, da sich der Mensch in fast allen Lebensbereichen über die Natur hinwegsetzt. Wieso also nicht auch in der Geschlechterhierarchie? Für mich stellt sich daher die Frage nicht, ob der Mann nun der Frau übergeordnet sei oder umgekehrt. Für mich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Frauen Männern unter- oder übergeordnet sein sollten. In meinen Augen sind die Unterschiede zwischen Individuen größer, als zwischen den Geschlechtern. Die einzige Lösung kann also sein, dass die Geschlechter sich prinzipiell auf Augenhöhe begegnen. Die Sache wird dann kompliziert, wenn wir uns die Details ansehen. Historisch gewachsene Ungleichheit, die Fortführung überkommener Gesellschaftsmodelle und Angst vor Neuem und Altem. Ist es legitim, seiner Tochter Puppen und seinem Sohn Autos zu schenken? Stülpt man Kindern damit nicht ein Rollenbild über (tut man das nicht auch, wenn man gegenteilig handelt)? Wie schafft man es, seinem Kind die Orientierung selbst zu überlassen? Die Antwort: Keine Ahnung. Vermutlich ist es der richtige Weg Sexismus da anzukreiden wo er passiert und zwar nicht nur in Bars oder auf der Arbeit, sondern auch in der Werbung und den Medien. Dabei sind mir pinke Puppen und kleine, süße Hündchen mit Marketingkampagnen, die angeblich vor allem Mädchen gefallen, sowie Monstertrucks und fette Kanonen, die ausschließlich mit Jungen beworben werden, genauso zuwider wie Stereotype á la Michelle Rodriguez, die in jedem Film die selbe, innerlich tote und steinharte Killerbraut spielen muss (dämliche, männliche Stereotype finden sich natürlich auch zuhauf). Was tut man nun aber, wenn die Tochter nunmal gerne pinke Hündchen Gassi führt und der Sohn fette Monstertrucks über den Autoteppich rollt? Die Frage nach dem unverfälschten, unveränderten Frauen- und Männerbild ist in meinen Augen nicht zu beantworten. Es gibt dieses Bild wahrscheinlich nicht. Kein Mensch kann sich von äusseren Einflüssen lossagen. Damit müssen wir klar kommen. (Daraus ergibt sich aber auch, dass es kein "richtiges" und "falsches" Leben mit dem eigenen Geschlecht gibt, was für mich ein wichtiger Faktor persönlicher Freiheit ist.)
4. Es wird in Lagern gedacht, wo keine sind. Unter den #Aufschrei-Tweets findet sich ein so breites Spektrum dafür, was nun Belästigung oder Sexismus sei und was nicht, dass deutlich wird, wie heterogen die Gruppen hinter den angeblich so geschlossenen Fronten sind. Was der Eine für eine Öffnung zur Diskussion hält, ist für den anderen direkt antifeministisch. Da gibt es Menschen, die konstatieren keine Frau habe Lust an oralem oder analem Geschlechtsverkehr, der daher per se sexistisch sei und wieder andere, denen eh egal sei, welche Vorlieben ihre Sexualpartner haben. Ich würde mich gerne darauf einigen, dass Menschen doch selbst entscheiden sollen, woran sie Lust haben und woran nicht und dass dann entsprechend auf die Wünsche der jeweiligen Individuen eingegangen wird. Es gibt auch zahlreiche Widersprüche innerhalb der angenommenen Lager. So wird dem Einen erklärt, Frauen hätten die Deutungshoheit darüber, was sie für übergriffig halten und was nicht und dem Nächsten sagt man, er solle doch selbst mal über richtiges Verhalten nachdenken. Gedankenlesen kann ich jedenfalls nicht. Das führt auch zum nächsten Problem: Die Einen sagen, Frauen müssten sich eben wehren und dürften sich nicht in ihrer Opferrolle ergehen, wohingegen die Anderen meinen dass Frauen auf keinen Fall daran schuld seien, wenn sie schlecht behandelt werden. Ich nehme an, hier gibt es kein Übereinkommen, weil die Bewertung je nach Situation unterschiedlich ausfallen muss. Dann gibt es natürlich noch Pick-Up Artisten, bei denen es mich nicht wundern würde, wenn sie K.O.-Tropfen als legitime Flirt-Methode betrachteten und Frauen, die das eine Unrecht mit einem neuen ersetzen möchten. Ich musste sogar lesen, dass Frauen von Natur aus nicht zu Aggressionen fähig wären und daher besonderen Schutz bräuchten (in diesem Fall äusserte dies eine angebliche Feministin, allerdings findet sich diese Position sicher auch bei Maskulinisten). Diese Diskussion findet eben nicht zwischen homogenen und gleichgeschalteten Gruppen statt. Nicht zwischen "Mann" und "Frau", ja nichtmal zwischen "Maskulinist" und "Feminist". Wer diese Diskussion nicht differenziert führt, hat schon verloren.
5. "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!" bringt uns nicht weiter. Unter #Aufschrei wird viel geschrieben. Die anfängliche Schilderung von Erlebnissen wurde schnell von Trollen gekapert, die im besten Fall relativieren, im schlimmsten zynischen Humorersatz an den Tag legen oder wilde Beschimpfungen von sich geben. Das hat die Bereitschaft zum gegenseitigen Zuhören natürlich geschmälert. Dazu kommen Diskussionen, welche die Suche nach dem, wozu der Hashtag ursprünglich gedacht war, unübersichtlich bis unmöglich macht. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte denjenigen #Aufschrei überlassen, die tatsächlich "nur" ihre subjektiven Eindrücke schildern möchten und die Diskussionen ausgelagert. Das Trollen hätte man sich ruhig komplett sparen können. Zum großen Spektrum der Diskutanten gesellt sich dann natürlich zwangsläufig das Problem, dass Menschen mit gemäßigten Meinungen direkt "Antifeminismus" oder "Antimaskulinismus" vorgeworfen wird (idR wohl eher Ersteres). Wer auf Dialog statt Ausgrenzung setzt, muss aber nicht gleich anti sein, sondern sieht möglicherweise nur einen anderen Weg für das gleiche Ziel.
Das sind die Probleme, die ich in dieser Debatte sehe. Ich finde gut, dass es eine Debatte gibt, fürchte aber, dass sie aufgeblasen und platzen wird, weil sie viel zu unübersichtlich ist, als dass sie wirklich differenziert geführt werden könnte. Ich finde den Ansatz gut, dass Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit Sexismus schildern, um zu zeigen, was sie als sexistisch empfinden. Dass hier auch Unwahrheiten, passend zur eigenen Agenda verbreitet werden, dass Menschen generell unterstellt wird, sie berichteten die Unwahrheit, dass Menschen aufgrund ihrer Situationsschilderungen angefeindet werden und dass sich Menschen über Schilderungen lustig machen, finde ich weniger gut. Das Thema ist sehr emotional und fast alle Menschen gehören dem einen oder anderen Geschlecht an, weshalb sich jeder angesprochen fühlt. Das Thema ist aber auch zu wichtig, um sich bei jedem Furz persönlich angegriffen zu fühlen und darüber die sachliche Argumentation zu vergessen. Das Thema ist zu wichtig, um die guten, sachlichen, auf Kommunikation ausgerichteten Beiträge im Wust der dümmlichen, verallgemeinernden, auf Frontenbildung ausgerichteten untergehen zu lassen.
Zur “Entnegerung” der kleinen Hexe
Geschrieben von TeoMir hängt das Thema eigentlich zum Halse raus, trotzdem schwirrt es immer wieder in meinem Kopf herum, daher schreibe ich dies in der Hoffnung, endlich wieder geistigen Frieden zu finden. Worum geht es? Um Otfried Preußlers Die kleine Hexe und eine Neuauflage dieses Buches (tatsächlich legt der Thienemann-Verlag noch einen Haufen weiterer Bücher neu auf, aber das geht im "Neger"-Wahn der Medien gerade unter). Diverse Medien überschlugen sich nach der Ankündigung des Verlags. Von "Zensur" (Quelle: Print) und "Entnegerung" (Quelle: dradio.de) (ja, wirklich: "Entnegerung") ist die Rede. Natürlich stehen auch sogleich die "Schlechtmenschen" auf dem Plan, die wiederum das "Gutmenschentum" des Thienemann-Verlags und der "Political Correctness-Lobby" beschimpfen.
Ich habe mich ja auch lange gegen bestimmte Sprachmodernisierungen gewehrt und ich bin immer noch der Meinung, man sollte niemandem Vorschreiben, wie man zu sprechen hat. Irgendwann habe ich dann aber begriffen, dass Sprache Einfluss auf Menschen hat. Als jemand, der mit Sprache (in Form fiktionaler Literatur) Menschen emotional und kognitiv Anregen und Berühren möchte, wäre es auch lächerlich zu behaupten, die Wahl der eigenen Sprache habe keinen Einfluss auf Menschen, könne nicht verletzen, ausgrenzen oder herabwürdigen. Die Perspektive des Schreibenden hilft mir sogar noch ein Stück weiter: Möchte ich, dass Leser eine bestimmte Figur z.B. als Akademiker erkennen, dann lege ich ihr Sprache in den Mund, die sie z.B. vom Klempner unterscheidet, mit dem sie sich gerade unterhält. Es macht einen Unterschied, ob eine Figur "Schmarren" oder "Blödsinn" sagt. Sie könnte auch "Bullshit" oder "Kacke mit Senf" sagen. Jeder dieser Ausdrücke vermittelt ein etwas anderes Bild von der Figur, die den Ausdruck benutzt. Würde ich eine rassistische Figur schreiben wollen, würde ich sie rassistische Dinge sagen lassen.
Lässt sich dieses Prinzip auf echte Menschen übertragen? Bedingt. Dialoge in der Literatur sind in der Regel gerafft, enthalten selten Unwichtiges und dienen einem Zweck, welcher der Figur, die Aussagen macht, nicht bekannt ist. Sie dienen dem Zweck, dem Leser Informationen zu übermitteln und sollen ihn nach Möglichkeit nicht langweilen. Dennoch könnten Leser auch gute Charakterisierungen von Figuren durch direkte Rede nicht verstehen, wenn in der Schublade, in die sie eine Figur stecken, nicht schon echte Menschen drin lägen. Solche Charakterisierungen funktionieren nur, wenn Leser bereits Erfahrungen mit gleichartiger Sprache gemacht haben (deshalb funktionieren Stereotype in fiktionalen Formaten auch so gut).
Jemand, der ständig lateinische Fremdworte verwendet, könnte also auch ein gebildeter Mensch sein, er muss diese Worte schließlich irgendwo gelernt haben. Jemand, der Automodelle inklusive Baujahr am linken Heckblinker benennen kann, könnte ein Mensch sein, der sich für Autos interessiert. Jemand, der die Namen von Wolkenformen aufsagen kann, könnte sich mit Meteorologie beschäftigen. Was davon am Ende stimmt, ist nebensächlich, denn was zählt, ist der Eindruck, den wir über die Sprache von einem Menschen bekommen. So funktionieren z.B. auch Figuren wie Schotty aus Der Tatortreiniger. Jeder merkt sofort, dass er kein Raketenwissenschaftler ist, aber wir finden ihn auch unter anderem deshalb sofort sympathisch. Wenn nun jemand eine Person mit dunkler Hautfarbe als "Neger" bezeichnet, bekomme ich den Eindruck, dass dieser Jemand Rassist ist. Das hängt mit der Konnotation des Wortes "Neger" zusammen, denn in der Regel wird es abwertend benutzt. Ich weiss nicht, ob sich der Benennende und der Benannte vielleicht kennen und es für beide in Ordnung ist, sich mit "Ey, du Neger!" zu begrüßen. Ich weiss nicht, ob es für den Benannten generell in Ordnung ist, so bezeichnet zu werden. Ich weiss nur, dass jemand rassistische Sprache benutzt hat und bilde mir entsprechend mein Urteil. Wie wir weiter vorn im Text gelernt haben, basiert diese Urteilsbildung offenbar auf einem Prinzip, das alle oder zumindest sehr viele Menschen verinnerlicht haben.
Aus dieser Beobachtung ziehe ich also für mich die Konsequenz, dass ich nicht als Rassist wahrgenommen werden möchte und verzichte dementsprechend auf Sprache, die ich für rassistisch halte. Was ich für rassistisch halte muss allerdings noch lange nicht dem entsprechen, was andere für rassistisch halten. Sprache ist ein lebender Organismus, dessen Innereien langsam aber beständig von denjenigen geformt und verformt werden, die ihn als Vehikel für ihre Zwecke nutzen. Ich sträube mich z.B. davor, den Begriff "Person of Color" (PoC) zu verwenden, so wie manche das gerne hätten. Für mich ist dieser Begriff nicht besser als "Farbiger" und grün, orange oder pink sind Menschen nur in Ausnahmefällen. Das heisst also, dass ich in den Ohren bestimmter Menschen auch als Rassist verschubladet werde, obwohl ich diese Wirkung nicht erzeugen möchte. Wir befinden uns hier in einer nie endenden (weil Sprache und Konnotationen sich unaufhörlich ändern) und komplizierten (weil zum Sprechen über Sprache gewisse Kenntnisse notwendig sind) Diskussion, was die Angelegenheit für Leute, die nur mal schnell in der Zeitung lesen, dass irgendwo irgendwer irgendwem vorschreiben möchte, wie von nun an zu reden sei, sehr schwer nachvollziehbar macht. Ich zähle mich zu den Menschen, die vielleicht ein bisschen mehr zu diesem Thema konsumieren, als nur Zeitungsartikel, aber auch nicht sonderlich viel mehr. Ich gehe einfach davon aus, dass weder die Kassiererin an der Discounter-Kasse ein "Danke, du Schlampe." verdient hat, noch der Mitarbeiter der Bibliothek ein "Hallo, du Neger." Ich setze da auf ein universelles Prinzip des menschlichen Miteinanders: Respekt. Das verhindert zwar nicht, dass mir ab und an ein "Negerkuss" ins Hirn rutscht, aber ich weiss ja, dass dies eine Hinterlassenschaft von über einem Jahrzehnt derartiger Bezeichnung von Süßspeisen ist und keine böswillige Absicht. Selbst wenn mir diese Bezeichnung dann doch mal über die Lippen kommt, gräme ich mich nicht drei Tage lang und geißle mich selbst. Das bringt nichts. Es geht um Umdenken und Sprache in Beziehung zur Realität setzen und nicht darum andere Menschen besser oder schlechter als andere zu bewerten. Das hat uns ja erst in diese Lage gebracht.
Dazu kommt der Kontext. Im Falle des "Neger" in einem Kinderbuch ist der Fall für mich relativ klar, denn hier geht es gar nicht um "Gutmenschentum" des Thienemann-Verlags, hier geht es um Verkaufszahlen. Thienemann möchte Bücher verkaufen und der Begriff "Neger" hat sich mittlerweile so weit aus dem regulären Sprachgebrauch und der Lebenswirklichkeit von Kindern (und Eltern, welche die Bücher natürlich bezahlen sollen) verabschiedet, dass die Verkaufszahlen möglicherweise darunter leiden. Zumindest ist es leicht vorstellbar, dass das Lese- und Vorlesevergnügen darunter leidet, wenn Eltern und Kinder immer wieder über komische Begriffe stolpern. So soll es z.B. auch ein Mailwechsel zwischen einem Vater, der sich an dem Vokabular störte und dem Verlag gewesen sein, der (unter anderem) dazu führte, dass Preußler den Änderungen zustimmte. Dass Werke angepasst und geändert werden, ist generell nichts Besonderes. Wieso ist es also an dieser Stelle etwas Besonderes?
Worum geht es denn eigentlich? Ich kann die harsche Kritik an den Änderungen im aktuellen Fall nicht nachvollziehen. Solange die alten Auflagen weiter vorhanden und archiviert sind, ist dem historischen Wert des "Negers" kein Abbruch getan. Das Wort ist in aktuellen Ausgaben nicht verteidigungswürdig. Es geht einfach darum Literatur weiter zugänglich zu halten. Nur weil ein Verlag aus freien Stücken Werke ändert, heisst das nicht, dass morgen bestimmte Worte generell von staatlicher Seite verboten werden. Das wiederum würde ich auch scharf kritisieren. Ich möchte immerhin die Möglichkeit behalten rassistische Figuren entwerfen und sie sprachlich auch so kennzeichnen zu können.


